Anti Atlas und Erg Chegaga

Nach den Regenfällen vom Vortag weckt uns morgens im Fort Bou Jerif die Sonne, die an einem klaren Himmel aufsteigt. Ein Wetter, was nicht besser sein könnte und auch für die kommenden Tage vorausgesagt ist. Der Morgen ist noch frisch bei ca. 8°C, aber nach wenigen Stunden zeigt das Thermometer dann 23°C und die Sonne brennt schon auf der Haut.

Wir verlassen Bou Jerif mit dem Ziel Tafraout. Wir sind diese Strecke schon 2016 gefahren und wissen welch beeindruckende Landschaft im Anti Atlas uns erwartet. Umso mehr sind wir gespannt, wie es für Charline und Karl sein wird. Bereits bei der ersten Kaffeepause sieht man ihnen an, dass sie genau so empfinden wie wir! Es ist nicht möglich die Landschaft zu beschreiben und die ausgelösten Emotionen in Bildern festzuhalten. Da hilft nur eins: selbst hinfahren!

Dem entsprechend kurz fällt auch unser Tagebuch aus, denn man kann es ohnehin nicht beschreiben, selbst wenn man wollte. Die Strecke an sich hat sich etwas verändert. Wo wir 2016 noch über Pisten und unbefestigten Straßen unterwegs waren, sind in der Zwischenzeit asphaltierte Straßen. Etwas weniger Abenteuer, dafür deutlich mehr Komfort für den Rücken. Wir nehmen es also gerne wie es ist und genießen die tolle Landschaft.

Passstraße
Karlchen auf dem Weg
Palmenoase
Ladengeschäft

Am späten Nachmittag kommen wir in Tafraout an, und wir beziehen unser Lager auf dem Campingplatz „Granit Rose“, den wir damals schon gewählt hatten. Bei einem netten selbstgemachten Essen zu viert lassen wir den Tag Revue passieren und fallen müde ins Bett.

Am nächsten Morgen planen wir uns mit Bekannten zu treffen, die wir aus den sozialen Medien kennen und die zufällig auch in Tafraout sind. Es ist schon etwas seltsam, ähnlich wie damals mit Karin und Daniel, dass man viele Menschen mit ähnlichen Lebensgeschichten „im Netz“ kennen lernt und ihnen auf ihren Wegen und Reisen folgt und sich ihnen somit verbunden und nah fühlt…und plötzlich lernt man sie auch „live“ kennen.

Die Rumpeltours

Dieses Mal sind es die 4 von „Rumpeltours“. Andre, Angie, Tochter Romy und Dogge Müsli. Sie haben vor 3 Monaten Haus und Hof verkauft, sind in ihren LKW gezogen und werden nun 2 Jahre durch die Welt reisen. Ein spannendes Projekt. Ich beneide den Mut und wünsche den 4en eine wunderschöne und erlebnisreiche Zeit. Die 4 sind sehr nett und auch wenn wir am Ende nur 2h Zeit haben, um uns kurz unsere Geschichten zu erzählen, so sind wir froh uns die Zeit genommen zu haben. Wir verabschieden uns und brechen auf in Richtung Foum Zguid, was der Ausgangspunkt für unsere „Wüstentour“ sein wird.

Der Weg dahin ist von ähnlichen, vermutlich noch mehr überwältigenden Eindrücken geprägt, als die Tour vom Vortag. Der Anti Atlas zeigt hier seine wahre Pracht. Ich vergleiche die Gesteinsformationen gerne mit einem Brotteig, der sich beim Kneten in verschiedene Schichten aufeinander türmt und dies in sanft geformt Kurven.

Anti Atlas

Ein besserer Vergleich fällt mir nicht ein. Zu gerne wüsste ich, welche Kraft hier in den vergangenen Millionen von Jahren gewirkt hat, um die Gesteinsschichten so aussehen zu lassen. Es ist kein Vergleich mit den Formationen der Alpen oder anderer Gebirgsketten. Im Grunde sieht es gar nicht nach Gestein aus. Ein Zeitraffer Video wäre vermutlich der Kino Hit des Jahrhunderts! Nach 6h Fahrt erreichen wir Foum Zguid, trinken noch einen leckeren Pferminztee und sinken wie jeden Abend zu tiefst beeindruckt, aber auch erschöpft ins Bett.

Endlich ist es soweit, und der Höhepunkt der Reise steht auf dem Programm: Die Tour zum Erg Chegaga. Hinlänglich wird dies, nicht nur von den Marokkanern, als Wüste oder Sahara bezeichnet. Tatsächlich ist es „nur“ eine kleine Ansammlung von Sanddünen, denn Marokko hat leider keine Anteile der eigentlichen Sahara. Allerdings ist diese kleine Anhäufung von Sand bereits so beeindruckend, dass ich mir kaum vorstellen kann, wie es in der echten Sahara aussieht. Letztlich können wir ohnehin mit Karlchen nur einige Dünen überqueren, da es sonst viel zu zeitaufwändig würde und wir vermutlich tagelang schaufeln müssten, um uns fortzubewegen. Sand ist nicht zu unterschätzen und kann sehr tückisch sein. Man fährt ohne Probleme und plötzlich merkt man, wie der Motor an Drehzahl verliert und mehr arbeiten muss. Dann ist guter Rat teuer, denn schaltet man einen Gang herunter und betätigt dabei zwangsläufig die Kupplung, hat das Gefährt für den Bruchteil einer Sekunde keinen Vortrieb mehr, was meist dazu führt, dass man direkt steht. Hält man sich allerdings vor Augen, dass dies zur Folge hat den LKW mit einer Schaufel frei zu graben, so entscheidet man sich im Gang zu bleiben und hofft, das die Motorkraft reicht. Die andere Variante ist die, so schnell einen Gang herunterzuschalten, wie es im Grunde nur einem modernen DSG Getriebe möglich ist und nicht einem Menschen. Ich entscheide mich meist für die zweite Variante und bewundere mich anschließend immer selbst, wie schnell ich schalten kann 🙂

Vor dem wunderbaren Fahren auf Sand hat die Natur jedoch 50km Piste gesetzt. Wer noch nie Piste gefahren ist, kann sich nicht vorstellen, was für eine Tortour das sein kann, oder auf jeden Fall in einem LKW ist. Man muss schon eine gute Portion Gute Laune gefrühstückt haben, um das Ganze durchzustehen, denn mit Spaß hat das wahrlich gar nichts zu tun. Es gibt verschieden Arten von Piste: Die eine Art wird als „Wellblech“ bezeichnet und ist genauso, wie der Name sagt. Befährt man diese mit mehr als 15km/h, wird man vermutlich auf dem direkten Wege einen Kieferorthopäden aufsuchen können, nachdem man die Einzelteile seines Autos hinter sich aufgesammelt hat. Die zweite Variante einer Piste zeichnet sich durch einen Mix von Schotter, größeren Steinen und Schlaglöchern aus. Auch diese Piste befährt man besser mit nicht mehr als 10km/h, da man sonst entweder mit dem Kopf an das Dach der Fahrerkabine schlägt, oder aber seitlich durch die Scheibe fliegt…ganz zu schweigen von den Geräuschen des Fahrzeugs, die im Grunde zum sofortigen Stopp schreien. Ich könnte noch Stunden lang über die Erlebnisse auf Pisten schreiben, aber das beste ist tatsächlich man erträgt es und vergisst es ganz schnell, bzw. man denkt ganz schnell an das schöne Fahren auf Sand!

Piste

Wo wir wieder beim Thema wären: Mein kleiner schwarzer Freund im Rückspiegel (der Dacia von Charline und Karl). Bei einem Leergewicht von 1400kg gleitet diese Kiste förmlich auf dem Sand und zeigt nicht im Geringsten Anzeichen von Schwäche. Sie fahren eben einfach über den Sand, ohne Schweißperlen auf der Stirn. An dieser Stelle muss ich für Karlchen allerdings auch die Kohlen aus dem Feuer holen. Wir waren wirklich beeindruckt wie gut er seine 7,5t durch den Sand bewegt hat. Dazu haben auch sicherlich die neuen Reifen beigetragen, die mit ihrem nicht so groben Profil viel besser auf Sand funktioniert haben, wie die Reifen, die wir im letzten Jahr hatten. Reduziert man den Luftdruck noch von 5 auf 1,5bar, gibt es im Grunde kein Problem mehr. Karlchen kämpft sich tapfer durch jedes Sandbett und mit etwas Schwung auch über jede Düne mittleren Ausmaßes.

Und dann passiert es, worauf ich so lange gewartet (und gehofft hatte)…ein Blick im Seitenspiegel lässt auf einmal meinen kleinen schwarzen Freund vermissen. Ich denke mir: Die werden kurz angehalten haben, um einem menschlichen Bedürfnis nachgekommen zu sein!? Wir fahren noch einige meter weiter, aber halten dann doch an und warten…! Nach einigen Minuten des Wartens drehen wir, um nach dem Rechten zu sehen und siehe da, der Dacia steht auf einer Düne, eingegraben bis zu den Seitenschwellern und Karl hat bereits den Klappspaten im Einsatz. Mein innerer Reichsparteitag ist angebrochen…Alah hat meinen Wunsch erhört! Endlich hat dieses „Überauto“ eine Schwäche gezeigt! Mit einem breiten Grinsen im Gesicht nähern wir uns den beiden, den flotten Spruch schon auf den Lippen…aber, meine innere Feier sollte schnell beendet sein, denn das erste was Karl mir sagt, als ich mich von oben grinsend aus dem Fenster lehne ist: „So etwas Blödes, ich war noch im „Zweiradmodus“ und hatte vergessen Allrad zuzuschalten.“

Daci hat sich festgefahren

Innerlich frustriert legen wir die Sandbretter vor die Vorderräder, Karl schaltet den Allradantrieb ein und fährt los und weiter, als wenn nix gewesen wäre. Also doch menschliches Versagen, was den Dacia zum Stehen zwang…naja, ich muss mich wohl wirklich mit dem Gedanken anfreunden, dass die Erbauer dieses Fahrzeugs ins Schwarze getroffen haben.

Nach 6,5h Fahrt auf unterschiedlichstem Untergrund kommen wir an dem Platz an, an dem wir im vergangenen Jahr schon mit Karin und Daniel gestanden haben. Er liegt einfach so schön und ist gut zu erreichen, dass wir ihn erneut ausgewählt haben. Beide Autos erreichen ihn ohne den Einsatz von Schaufel und Sandblechen.

Stellplatz in den Dünen
Überfahrt zum Stellplatz

Nachdem wir auf dem Weg schon einiges an Holz gesammelt hatten, stand dem gemütlichen Abend am Lagerfeuer nichts mehr im Weg.

Feuerholz

Auch das lässt sich mit Worten und Bildern schlecht beschreiben, aber der Sternenhimmel in der Wüste, ungetrübt von Fremdlichtern, ist einfach grandios. Unsere beiden Segler, die sich perfekt mit Astronomie auskennen erteilen uns eine kleine Lehrstunde und schon bald kennen wir das gesamte Firmament 🙂

Am Lagerfeuer
Der Orion
Sternenhimmel

Um 22:00Uhr ist unser Feuerholz leider aufgebraucht und es wird bei 4°C zu frisch um draußen zu sitzen. Also ziehen wir uns in unsere warmen Betten zurück und träumen von den vielen Eindrücken des Tages.

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